Fließlinien, Bindenähte, Einfallstellen: Welche Spritzgussfehler normal sind und welche Ausschuss
Jedes Spritzgussteil trägt Spuren seiner Herstellung. Die sinnvolle Frage ist nicht, ob eine Markierung vorhanden ist, sondern ob sie eine normale Prozessspur ist oder ein Fehler, der hätte auffallen müssen.

Die sechs Fehler und ihre Ursachen
| Fehler | Erscheinungsbild | Übliche Ursache |
|---|---|---|
| Fließlinien | Wellenartige Riefen, am stärksten in der Nähe des Anspritzpunkts | Schmelze oder Werkzeug zu kalt, ungleichmäßige Einspritzgeschwindigkeit, abrupter Wandstärkensprung, zu kleiner Anspritzpunkt |
| Bindenähte | Eine feine Linie, an der zwei Kunststoffströme zusammengetroffen sind | Unvermeidbar um Bohrungen und bei Teilen mit mehreren Anspritzpunkten; entlang der Linie ist das Teil schwächer |
| Einfallstellen | Flache Mulden über dicken Rippen und Domen | Zu geringer Nachdruck, lokal zu große Wandstärke, zu kurze Kühlzeit |
| Brandstellen (Dieseleffekt) | Weiße oder dunkle Streifen | In der Kavität eingeschlossene Luft wird komprimiert und erhitzt, bis sie die Oberfläche verbrennt; schlechte Entlüftung oder zu schnelles Einspritzen |
| Silberschlieren | Silbrige Linien, die sich fächerförmig über die Oberfläche ziehen | Feuchtigkeit im Granulat, die zu Dampf wird – fast immer nicht ordnungsgemäß getrocknetes Material |
| Grat | Dünne Kunststofffahnen an der Trennebene oder an den Auswerferstiften | Zu geringe Schließkraft, zu hohe Schmelzetemperatur oder zu hoher Druck, verschlissenes Werkzeug, Verschmutzung an der Trennfläche |
Normal innerhalb der Grenzen: Bindenähte, Fließlinien, Einfallstellen
Diese drei lassen sich prozessbedingt nicht immer vermeiden. Branchenweit werden sie akzeptiert, solange sie innerhalb der Grenzen bleiben – und die Grenzen hängen davon ab, auf welcher Fläche des Teils sie liegen.
- Bindenähte: zulässig auf verdeckten Flächen und auf Sichtflächen, wenn sie dünn und bündig sind und aus 30 cm nicht auffallen. Ausschuss, wenn sie dick, weiß, eingesunken oder gerissen sind.
- Fließlinien: außerhalb der Hauptsichtfläche zulässig, wenn sie flach sind und sich nicht ertasten lassen. Ausschuss, wenn sie die Vorderseite in fühlbaren Wellen überziehen.
- Einfallstellen: zulässig als leichte Mulden auf der Rückseite oder in verdeckten Bereichen, die die Montage nicht beeinträchtigen. Ausschuss, wenn sie auf der Vorderseite deutlich sichtbar sind oder an einer Stelle liegen, an der die Zeichnung sie ausschließt.
Immer Ausschuss: Brandstellen, Silberschlieren, Grat
Das sind keine Prozessspuren, sondern Fehler – und ein Werk, das sie ausliefert, liefert seine eigenen Fehler aus.
- Brandstellen sind Verbrennungen durch schlechte Entlüftung. Ist eine davon auf einer Sichtfläche zu sehen, ist das Teil durchgefallen, und Werkzeug oder Einstellungen werden korrigiert.
- Silberschlieren bedeuten, dass das Granulat nicht getrocknet wurde. Sie werden ausnahmslos zurückgewiesen, denn dieselbe Feuchtigkeit, die die Oberfläche markiert, schwächt auch das Teil.
- Grat ist grundsätzlich nicht zulässig. Eine sehr dünne Fahne unter 0,05 mm auf einer verdeckten Fläche kann von Hand entfernt werden; alles, was scharf genug ist, um sich daran in den Finger zu schneiden, oder auf einer Sichtfläche liegt, ist Ausschuss und wird nicht ausgeliefert.
Die 30-cm-Regel
Unser interner Standard ist der, den die meisten in der Branche verwenden. Halten Sie das Teil 30 cm vom Auge entfernt, unter einer Normlichtquelle oder bei Tageslicht, und betrachten Sie es frontal – kein Streiflicht, keine Lupe, kein gezieltes Suchen. Wenn Sie die Markierung nicht sehen, ist das Teil in Ordnung. Wenn Sie sie deutlich sehen, ist es durchgefallen.
Die Regel wird abgestuft angewendet. Die Hauptsichtfläche – die Seite, die der Kunde zuerst sieht – wird am strengsten bewertet. Für Seitenflächen, Rückseite und nach der Montage verdeckte Flächen gilt mehr Spielraum.
Über alldem stehen das unterschriebene Referenzmuster und der vereinbarte AQL. Wenn sich beide Seiten über eine Markierung uneinig sind, entscheidet das Muster, nicht die 30-cm-Regel.
Transparente Teile werden weit strenger beurteilt
Bei einem transparenten Teil aus PC, PCTG oder PS sind Bindenähte, Fließlinien, schwache Brandstellen und Silberschlieren allesamt deutlich sichtbar, daher wird fast nichts davon toleriert – selbst eine feine Bindenaht ist meist Ausschuss.
Bei einer deckenden Farbe, besonders einer dunklen, können eine leichte Bindenaht, schwache Fließlinien oder eine kleine Einfallstelle auf der Rückseite durchgehen, wenn sie nicht auffallen und den Gebrauch nicht beeinträchtigen. Wenn Ihr Produkt eine transparente Flasche ist, sagen Sie das bereits in der Zeichnungsphase: Es verändert die Lage der Anspritzpunkte.
Wenn ein Einkäufer eine Markierung innerhalb der Grenzen beanstandet
Das kommt vor. Wir gehen dann jedes Mal in derselben Reihenfolge vor:
- Wir legen den Fehler neben das unterschriebene Muster, den Prüfstandard und den AQL und prüfen, ob er innerhalb des Vereinbarten liegt. Beides wird fotografiert.
- Handelt es sich um eine Prozessspur, die das Muster zulässt, bieten wir einen Preisnachlass an, damit der Einkäufer die Ware behält. Möchte der Einkäufer sie trotzdem zurückgeben, ist das unterschriebene Muster die Referenz; das übliche Ergebnis ist ein teilweiser Ersatz statt einer vollständigen Rücksendung.
- Liegt der Fehler außerhalb dessen, was das Muster zulässt, ist es unser Fehler, und wir bezahlen Nacharbeit, Ersatz oder Rücksendung.
Jeder Schritt hängt von einer Sache ab, die im Voraus vereinbart wurde: einem physischen Referenzmuster, das beide Seiten unterschrieben haben. Ohne dieses steht Meinung gegen Meinung.